by Dr. Catherine Nichols
Miguel Rothschild / 33 traurige Tragödien
Opening speech-Kunstraum Potsdam, 2008

 
Der Vergleich mit Dante liegt nahe: Bei der historisch aufgeladenen Anzahl der 33 traurigen Tragödien, mit denen uns der Berliner Künstler Miguel Rothschild konfrontiert, fühlt man sich zunächst an die 33 infernalischen Gesänge der Divina Commedia erinnert. Von dort ist es nicht mehr weit zu Samuel Becketts Endgame. Denn in Rothschilds eigens für den Kunstraum Potsdam konzipierter Ausstellung fühlt man sich bei all den großen Themen von Himmel und Hölle, von dem Sündenfall und der Auferstehung Becketts Hauptfigur Hamm nahe, der tagtäglich einen Blick zum Fenster hinauswirft, um sich zu vergewissern, dass die Welt noch am Untergehen ist. Aber wie die beinlose Nell im ritualisierten Spiel des sich ständig wiederholenden Alltags beteuert: „Nichts ist komischer als das Unglück.“

Mit seiner Auswahl alltäglicher Materialien, mit Plastik, Partywaren und Pappe, baut Miguel Rothschild ein buntes, wenn auch löcheriges Universum auf, in das er neben Größen der Kunstgeschichte wie Albrecht Dürer oder Edvard Munch, dem sich ikonisch aus dem Fenster stürzenden Yves Klein oder dem Kunstmarktgiganten Andreas Gursky uns alle einlädt, inmitten des ganzen Konfettis zusammen mit ihm und seinen Figuren den Absturz ad absurdum auszuleben.

Miguel Rothschild, dessen Arbeit Melencolia A. D. – ein aus bunten Trinkhalmen sorgfältigst nachgebauter Pastiche des berühmten Dürer-Polyeders der Melencolia I – im vergangenen Jahr in der Berlinischen Galerie in der Ausstellung „Neue Heimat“ zu sehen war, studierte in Buenos Aires und Berlin. Seit seinem Studienabschluss als Meisterschüler von Rebecca Horn an der Hochschule der Künste war er in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten, u. a. in der neuesten Themenausstellung des Dresdner Hygiene-Museums „Glück – welches Glück“. Im kommenden Kunst-Herbst werden im großen Ausstellungszyklus der Staatlichen Museen zu Berlin zum „Kult des Künstlers“ seine Daumenkinos gezeigt.

Mit seinem humorvoll-ironischen Blick auf die Welt gewährt Rothschild in Potsdam eine Einsicht in sein vielfältiges Werk, in dem Skulpturen und Rauminstallationen ebenso zu Hause sind wie Video- und Diaprojektionen, Fotografien, Girlanden und Mobiles. Die Höllenfahrt wirkte noch nie so verlockend.